Vor wenigen Jahren wollte es der liebe Gott so haben, dass meine geliebte Schwester schwanger wurde. Nun, inwieweit der liebe Gott dabei seine Finger wirklich im Spiel hatte, ist einer ausführlichen Diskussion zwar würdig, jedoch nicht Thema dieses Textes. Vielmehr möchte ich heute schildern, wie schwierig es sich darstellen kann, für einen winzigen Erdenbürger, der noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt hat, einen passenden Namen zu finden.

Zunächst sollte man wohl meinen, die Wahl des besten Namens für das kommende Kind, fiele einzig und allein den beiden Elternteilen anheim. Ich darf an dieser Stelle aber bestätigen, dass dies mit Nichten der Fall ist. Von den Großeltern über die Geschwister, mehr und weniger gute Freunde, ehemalige Schulkollegen und Supermarktkassiererinnen bis hin zu zufällig vorbei schlendernden Passanten, glaubt wirklich jeder, das Patent auf den geeigneten Namen des künftigen Erdenbürgers zu besitzen.

Ich erinnere mich beispielsweise an einen lauschigen Winterabend im Monat Februar, an dem ich bei Schwesterherz eingeladen war. Sie befand sich im vierten Schwangerschaftsmonat und wir waren in eine rege Debatte vertieft. So glaubte ich zu wissen, dass Ayrton der wohl angemessenste Name für den bald die Bühne der Welt betretenden Nachwuchs sei. Dazu muss man wissen, dass ich seit Jahrzehnten ein großer Freund des Formel 1 Sports bin und es sich beim leider viel zu früh von uns gegangenen brasilianischen Ausnahmepiloten Ayrton Senna um mein großes Idol handelte. Hinsichtlich dieser Tatsache war ich mir dessen gewiß, dass just dieser Name die Wahl der Wahl für meinen Neffen sein müsse. Denn wenn Nomen gleich Omen ist, dann wäre ihm Genialität, Mut und Zielstrebigkeit bereits in die Wiege gelegt.

Meine Schwester konnte meine Begeisterung jedoch nicht teilen. Gleichwohl fand sie den klangvollen Namen Ayrton weniger inspirierend, als vielmehr unglaublich blöd. Ihr stand der Sinn eher nach Bodenständigem. Ein Alexander oder ein Michael sollte es werden. Damit jedoch war der Lebenspartner meiner Schwester wiederum nicht einverstanden. Sein Kind solle nicht so heißen, wie fünfhundert Millionen anderer Deppen ebenfalls. Seines Erachtens, könne man den Sohnemann dann gleich “Idiot” taufen, denn wenn man dies auf einer belebten Straße riefe, drehte sich auch Jedermann um.

Christian, so der Name des Holden meiner Schwester, stand der Sinn nach Außergewöhnlichem: Lucas Bro Jim, Kevin Durant Hobbes oder Dustin Holmes Parsifal waren nur drei seiner Ideen, die er für außerordentlich originell hielt. Doch bei solch strunzdummen Namen kannte ich kein Einsehen und ich verpaßte Christian sogleich eine schellende Ohrfeige, damit er sich die Namen umgehend wieder sprichwörtlich aus dem Kopf schlug.

Meine Schwester fragte mich nun, vorsichtig und behutsam, ob mir vielleicht der Name Anselm konveniere. Unwillkürlich fühlte ich wieder ein unablässliches Jucken in der Hand, konnte mich jedoch dieses Mal zum Glück unter Kontrolle halten. Ich fragte meine Schwester, was sie gegen ihren noch nicht einmal anwesenden Nachwuchs denn konkret hätte, wenn sie ihn nach einem Teil der lustigen Vogelschar benennen wollte. Und ob sie Drossel, Fink und Meise als angemessene Beinamen empfände.

Vielleicht, so fiel es meiner Schwester nun ein, wäre es auch nicht schlecht – wenn wir nämlich schon bei Zweitnamen wären – dem Vornamen meines Neffen ein Maria hinzuzufügen. Es imponiere ihr immer wieder, wenn sie von großen Künstlern wie Rainer Maria Rilke oder Klaus Maria Brandauer höre und lese. Sie könne sich das auch bei ihrem Sohn wirklich gut vorstellen. Ich muss ehrlich gestehen, dem Gedanken war auch ich nicht ganz abgeneigt. Wenn man nun diesem Maria vielleicht etwas Außergewöhnliches wie, sagen wir, Ayrton voranstellte, ergäbe dies mit Sicherheit einen höchst klangvollen Namen.

Christian, der sich langsam wieder von seiner Schelle erholte, gab zu bedenke, wie sich denn die Sachlage verhielte, wenn in wenigen Monaten kein kleiner Junge, sondern ein niedliches Mädchen das Licht der Welt erblickte.

Ob dieses, wohlgemerkt äußerst berechtigten, Einwurfes, erklärte ich die Diskussion für beendet. Man kann doch kein Mädchen Ayrton nennen, warf ich entrüstet ein. Dafür aber Maria, entgegnete meine Schwester. Mir platzte die Hutschnur. Also, wenn du deine Tochter wie ein Mädchen nennen möchtest, dann kannst du ihr auch gleich den Namen Dorothea geben, herrschte ich sie an.

Und so geschah es auch. Meine Schwester und Christian einigten sich auf Dorothea und auf diesen Namen hört die Kleine seit mittlerweile sechs Jahren.

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9. Februar 2018 0
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