Als Jugendlicher kam es nicht selten vor, dass ich mich zu bestimmten Anlässen und Gegebnheiten seltsam fühlte. Ja, man könnte einwerfen, dass es jedem Teenie so ergeht. Tagein, tagaus. Dem muss ich auch bis zu einem bestimmten Grad zustimmen.

Allerdings verhielt ich mich bereits in jungen Jahren sehr oft höchst sonderbar. Wenn meine Freunde feierten und ausgelassen waren, sonderte ich mich ab. Wenn sie einander Witze und lustige Anekdoten zum Besten gaben, trumpfte ich mit meinen Erlebnissen über Tierquälerei auf. Und sobald meine jugendlichen Weggefährten mit gleichaltrigen Mädchen flirteten, stach ich dadurch hervor, selbige zu beschimpfen. Man sieht, mein Verhalten gab sich auf weiter Linie nicht ganz regelkonform.

Im Allgemeinem wurden meine, nennen wir es Schrullen jedoch akzeptiert. Erst, als ich meinen Mathematiklehrer zum wiederholten Male der heimlichen Unzucht mit des Direktors Sonntagsunterwäsche bezichtigt hatte, riet mir der Klassenvorstand an, doch bei Gelegenheit dem Schulpsychiater einen Besuch abzustatten. Diese Einladung nahm ich denn auch kurze Zeit später an. Wenn auch widerwillig und unfreiwillig, schleppte ich meinen müden Kadaver dennoch in den Keller des Schulgebäudes und klopfte an die Tür, die die vielsagende Aufschrift “Dr. Vogerl” zierte.

Ich machte mich also dezent bemerkbar. Zu meiner Überraschung ertönte jedoch kein Zwitschern von Herrn Dr. Vogerl, sondern ein sonores und höchst maskulines “Herein!”. Um nicht als schwach oder gar unterlegen zu erscheinen, plusterte ich mich auf, richtete mein Rückgrat gerade und trat ein.

Da sah ich Dr. Vogerl. Sitzend auf einer Stange im oberen Drittel eines goldenen Käfigs. Dabei handelt es sich natürlich um einen Scherz. Dr. Vogerl brütete. Nicht etwa über einem Ei, sondern über einigen Akten und bedeutete mir, mich zu setzen, ohne dabei von seinen Unterlagen aufzusehen.

“Ich stehe lieber.”, brummte ich bestimmend.

“Nein”, entgegnete mir der Psychiater, “ich bin mir sicher, sie sitzen lieber.”

Ich musste kurz überlegen und gab ihm anschließend recht. Eigentlich würde ich lieber sitzen. Ganz genau. Ich nahm also dem Doktor gegenüber Platz. Da dieser keine Anstalten machte, mir in irgendeiner Form Aufmerksamkeit zu schenken, begnügte ich mich damit, zu warten. Ich wartete. Als sich die Lage nach fünf Minuten noch nicht geändert hatte, beschloss ich, einfach noch länger zu warten. Ich begann, den Arzt zu mustern. Mir fiel auf, dass sich auf dessen Hinterhaupt eine Glatze bildete. Ein sogenannter Hubschrauberlandeplatz, wie wir Jugendlichen dies zu nennen pflegten. Desweiteren stellte ich fest, dass das Haar, das sich einst auf dem Kopf von Dr.Vogerl befunden haben musste, scheinbar in dessen Nasenlöcher und Ohren gewandert war.

“Herr…ähm…?”, hob der Doktor schließlich an, nachdem er die Akten beiseite gelegt und den Kopf gehoben hatte.

“Riegler.”

“Denken sie das wirklich?”

“Ähm…”

“Psychiaterscherz. Verzeihung.”

“Ja. Ähm. Haha.”

Das Eis schien gebrochen. Dr. Vogerl versenkte den Blick wieder seine Akten. Und ich wartete. Mir fiel plötzlich auf, dass sich an des Doktors Hinterhaupt eine Glatze zu bilden begann. Und irgendwie kam mir das ganz schön bekannt vor…

“Verspüren sie oft unbegründet Angst?”, wollte der Psychiater nach einer Weile wissen, als er die Nase wieder aus dem Papierkram hervorgegraben hatte.

Damit schien er den wunden Punkt getroffen zu haben. Es war, als löste sich ein Knoten in mir. Ja, genau das schien die Lösung.

“Ja, Herr Doktor”, antwortete ich.

“Warum?”

“Was weiß ich – die Angst ist UNBEGRÜNDET”

“Gut, ich vermerke das in meinen Akten. Sie können gehen.”

Mein erster Besuch bei einem Nervenarzt war äußerst ernüchternd. Er nützte mir nichts, er änderte nichts. Wie meine Angst war er völlig unbegründet.

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23. April 2018 0
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