Ich staunte nicht schlecht, als ich ein Schreiben eines ehemaligen Schulkollegen im Briefkasten fand. Schließlich hatte ich das Gymnasium bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten verlassen und seitdem nicht mehr allzu viel mit den Leuten, mit denen ich die Schulbank gedrückt hatte, am Hut.

Einen zerrissenen Briefumschlag später, war ich noch verwunderter. Meine Mitschüler aus grauer Gymnasialvorzeit veranstalteten ein Fußballturnier und luden mich ein, als Teil der Mannschaft dem allgemeinen Amusement beizuwohnen.

Nun muss man wissen, dass ich noch nie – also auch nicht in meiner Schulzeit – als große Sportskanone galt. Eher war ich stets der ruhige, behäbige Typ, dem nichts langsam genug gehen konnte und dem gegenüber ein Faultier wie Flitz der rote Blitz anmutete. Von Fußball zudem hatte ich etwa so viel Ahnung, wie ein Bewohner der Elfenbeinküste von Schneeballschlachten.

Nichtsdestotrotz sollte ich also Teil der Fußballmannschaft sein, die gegen Vertreter der ehemaligen Paralleklasse antreten sollte. Ich vermute stark, dass nicht mein einschlägiges Können ausschlaggebender Punkt war, sondern ich nur zum allgemeinen Gaudium und zur Anhebung der Stimmung auf dem Feld mitturnen durfte.

Als nun der große Tag des bedeutungsvollen Turniers angebrochen war, erschien ich, Elan und Interesse heuchelnd am vereinbarten Treffpunkt. Als solcher diente ein schon ausrangierter und doch einigermaßen heruntergekommener Sportplatz am Stadtrand von Linz. Man begrüßte mich teils aufrichtig erfreut, teils mit leidlich unterdrücktem, hamischem Grinsen, was meinen Verdacht, dass meine Teilnahme als unfreiwillige Slapstick-Einlage gedacht war, nur verstärkte.

Bevor ich mich noch mit liebgewonnen Freunden aus vergangenen Tagen unterhalten konnte, wurde ich in ein baufälliges Hüttlein gedrängt, das wahrscheinlich in ferner Vergangenheit einmal als Mannschaftsunterkunft fungiert haben muss. Dort sollte ich mich anschließend in ein viel zu enges Dress zwängen, das mich an Bauch und Oberschenkel abschnürte und mich optisch wie eine hängende Knackwurst erscheinen ließ. Was darauf folgte war ein sogenanntes Mannschaftsbriefing, welches mir und meinen Kollegen vermitteln sollte, was wir später, während des Matches, auf dem Spielfeld zu tun hätten. Ich muss jedoch ehrlich gestehen, dass ich vom verwendeten Fach-Kauderwelsch nichts verstanden hatte und ich mich noch unwissender als zuvor schließlich auf dem Rasen einfand.

Da ich doch aus dem Fernseh-Rundfunk einigermaßen informiert war, vermisste ich zunächst das Kind, das mich an einer meiner Hände auf den Rasen begleitete. Mein Mannschaftskapitän klärte mich aber sofort dahingehend auf, dass dies bei derart kleinen Begegnungen wie dieser kein Standard sei und ich den Weg auf das Grün schon alleine finden müsse, ohne von einem Fünfjährigen geführt zu werden. Als ich mich endlich dort befand, wo ich mich zu befinden hatte, sah ich von der Ferne einen lieben, alten Bekannten am hinteren Ende des Spielfeldes. Ich entschloss mich dazu, mich schnellen Schrittes zu ihm zu begeben, um einige freundliche Worte mit ihm zu wechseln.
Bereits nach wenigen Metern zupfte mich ein mir völlig unbekannter Mann in schwarzer Kleidung am viel zu engen Trikot. Ich versuchte mich von ihm los zu eisen, allerdings mit aller gebotenen Demut und Vorsicht; immerhin schien der Mann einen Trauerfall im engeren Familienkreis zu beklagen. Warum sonst sollte er sich komplett in schwarz hüllen? Ich löste also seine Hand von meiner Schulter und machte mich anschließend wieder gemächlich auf den Weg zu jenem Bekannten, der am hinteren Ende des Spielfeldes inmitten eines Stahlgerüstes, um das ein Netz gespannt war, stand und auf irgendetwas zu warten schien. Abermals hielt mich der Mann in Schwarz zurück. Er schien ein ausgesprochener Pedant zu sein. Und er begann, mich zu nerven. Also setzte ich dazu an, ihm, ungeachtet seiner offensichtlich bestürzenden privaten Situation, eine Standpauke zu halten. Dies ließ ihn überraschenderweise ziemlich kalt und er faselte irgendetwas davon, dass er das Spiel endlich anpfeifen wolle. Oder so.

Unglaublich, wie lästig dieser schwarze Zwerg doch war. Etwas aus der Fassung geratend, herrschte ich ihn an, dass ich gleich etwas anpfeifen werde. Und dies würde nicht das Spiel, sondern er selbst sein. Seine Reaktion nahm mich Wunder: Er zog aus seiner Gesäßtasche nämlich etwas hervor, das sich kurz darauf als kleines, rotes Kärtchen entpuppen sollte. Dieses hielt er mir dicht vor die Nase.

Ich war perplex. Was wollte mir dieser Mann eigentlich sagen? Ich nahm für mich selbst an, dass ihn der Verlust eines nahestenden Familienmitglieds geistig derart zerrüttet haben muss, dass er nicht mehr Herr seiner selbst war. Gut, ich fand die Karte schon irgendwie…hübsch. Hätte ich ihm das vielleicht sagen sollen? Der Mann in schwarz schien auf jeden Fall ganz Stolz auf dieses Requisit zu sein. Weshalb sonst hätte er es mir mit solcher Inbrunst gezeigt?

Bevor ich noch irgendeine richtige Reaktion auf seine Handlung zeigen konnte, verwies mich dieses obskure Männchen des Platzes. Auf meinen Einwand hin, ich hätte hier gemeinsam mit meinen ehemaligen Schulkollegen eine Fußballspiel zu bestreiten, antwortete er karg, dass eben dieses für mich bereits beendet sei. Zwar war ich verdutzt und gleichwohl ein wenig desorientiert, aber ich fügte mich den Worten meines Gegenübers. Was ihm an Körpergröße fehlte, machte er mit einer intensiven Aura an Autorität wieder wett.

Zurück zu Hause, nachdem ich mich in der Kabine wieder in meine Alltagskleidung begeben hatte, war ich jedoch froh, doch etwas Sport betrieben zu haben. So ein Fußballspiel belebt nämlich nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Im Stillen beschloß ich, fortan öfter Bewegungseinheiten abzuhalten.

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