Vorigen Monat entstieg ich des Morgens entspannt meiner Dusche, als ich bemerkte, dass ich mir den Nagel des linken Zeigefingers eingerissen hatte. Sie werden mir wohl zustimmen, dass es sich hierbei um ein höchst eigentümliches, um nicht zu sagen, völlig unangenehmes Gefühl handelt. Gott sei Dank hat die menschliche Rasse für derartige Unpässlichkeiten Werkzeuge entwickelt, die den Zustand der inneren Anspannung im Allgemeinen recht gut lösen. In diesem Falle hätte ich mich im Konkreten einer Nagelschere bedient.

Ich griff also kurzerhand zu besagtem Utensil, um Augenblicke später festzustellen, dass deren Klingen völlig stumpf waren. Gott sei Dank wähnte ich mich im Besitz eines Nagelscherenschleifers. Ich weiß, dass ich österreichweit wohl das einzige Individuum darstelle, daß über ein solches Werkzeug verfügt, dafür weigere ich mich jedoch sei Jahren erfolgreich, mir unnützes Beiwerk wie Kühlschrank oder Herd anzuschaffen.

So begab ich mich also auf die Suche nach dem Nagelscherenschleifer. Wider Erwarten hatte ich ihn in dem Chaos, das ich mein Zuhause nennen, auch schnell gefunden. Das war die gute Nachricht. Die Schlechte: Er befand sich hinter der Waschmaschine. Nun war guter Rat teuer. Ich war mir dessen bewusst, dass ich etwas Langes und Dünnes benötigte, um den Schleifer hinter der Waschmaschine hervorzukratzen. Alsbald entsann ich mich dessen, dass ich im Keller einen Holzstock verwahrte, der sich für das Greifen des Nagelscherenschleifers hinter der Waschmaschine vortrefflich eignen müsste. Also nichts wie auf in den Keller, dachte ich mir.

Ich verließ meine Wohnung, zog die Türe hinter mir zu und stapfte in den Keller des Mehrparteienhauses. Vor meinem Abteil angekommen, musste ich verbittert feststellen, dass ich meinen Schlüsselbund auf der Kommode im Vorzimmer hatte liegen lassen. Zurück also in die Wohnung. Ja, können vor lachen. Wer den Schlüsselbund liegen und die Tür ins Schloss fallen lässt, stellt früher oder später fest, dass er aus seiner Wohnung ausgesperrt ist.

Was war also nun zu tun? Mir fiel ein, dass mein Vater einen Ersatzschlüssel besaß. Also spurtete ich schnell zum Parkplatz vor dem Haus, um in mein Auto zu hüpfen und stracks zu meinem Altvorderen zu fahren. Gerade rechtzeitig fiel mir noch ein, daß dies – schlüssellos wie ich war – ein nicht minder sinnloses Unterfangen war, als zu versuchen, in meine Wohnung zu gelangen.

Mir blieb also nichts Anderes übrig, als per Autostopp zu meinem Vater zu gelangen. Hoffnungsvoll positionierte ich mich auf dem Bürgersteig und schob mein Beinkleid bis über das Knie hoch, um so fremde Fahrer dazu zu bewegen, anzuhalten und mich mitzunehmen. Ich hatte Glück. Eine große, schwarze Karosse hielt alsbald an und nahm mich mit.
Dass der Fahrer des Wagens jedoch nicht vorhatte, mich zu meinem Vater zu chauffieren, stellte ich erst fest, als wir vor der russischen Staatsgrenze angelangt waren. Mich dünkte, dass ich entführt worden war. Mein Verdacht sollte sich schon bald bestätigen. Man brachte mich in ein finsteres Kellergewölbe, in dem allwöchentlich der illegale Markt für Österreichische Jodelsklaven abgehalten wurde. Ein reicher russischer Patriarch kaufte mich schließlich, steckte mich in Steirer Tracht und verbannte mich in das rustikal dekorierte Jodelzimmer seines Anwesens. Dort lasse ich nunmehr stündlich meinen ländlichen Gesang erschallen und bekomme drei Mal täglich warm zu essen. Es ärgert mich nur, dass mein Fingernagel immer noch eingerissen ist.

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Ein zwielichtiges Mysterium

4. Mai 2018 0
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