Es muss ein Frühlingstag vermutlich im Jahr 1991 gewesen sein. Ich erinnere mich noch lebhaft daran. Ein sonniger Samstag, kurz vor der Mittagszeit. Obwohl Wochenende, befand ich mich nicht entspannterweise im heimatlichen Elternhaus, sondern nahm meine Schulpflicht wahr. Zumindest sollte ich das. Wahr war viel mehr, dass ich, gemeinsam mit einem kleinen Grüppchen meiner Kameraden, mit den bedeutungsschwangeren Worten “Wir holen uns ein Autogramm von Ephraim Kishon” auf den Lippen, schlicht die Religionsstunde verlassen hatte.

Etwa fünfzehn Gehminuten von meiner Schule entfernt, in einer Filiale eines riesigen Buchhandels auf der altehrwürdigen Landstraße in Linz, präsentierte sich damals einer der größten und erfolgreichsten Satiriker des deutschsprachigen Raums der oberösterreichischen Öffentlichkeit. Viele der Bücher Ephraim Kishons, der 1924 als Ferenc Hoffmann in Budapest geboren wurde, begleiteten mich bereits mein ganzes Leben lang. Sie formten und inspirierten mich und legten, unter Anderem, den Grundstein für meine Schreibbegeisterung. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es sich bei Herrn Kishon um ein echtes Idol gehandelt hatte.

Als ich, wenige Tage vor jenem denkwürdigen Samstag im Frühling des vermutlichen Jahres 1991, vom Besuch des großartigen Autors in meiner Heimatstadt erfahren hatte, war für mich klar, dass ich um jeden Preis vor Ort sein und dem großen Kishon die Hand schütteln müsse. Bewaffnet mit einem Buch, das seiner Feder entstammte, marschierte ich mit meinen nicht minder aufgeregten Freunden Chris, Bernhard und Christian in der Landesverlag-Filiale ein. Wir mussten uns bis in den dritten Stock des Ladens hocharbeiten, bevor wir unserem großen Vorbild gegenüberstehen durften.

Ferenc Hoffmann verlor 1944 beinahe sein Leben unter dem Nazi Regime. Der Großteil seiner Familie wurde in Auschwitz vergast, lediglich seine Eltern und seine Schwester Agnes überlebten den Holocaust. Ebenfalls durch pures Glück gelang ihm wenige Jahre später die Flucht aus einem sowjetischen Arbeitslager. Über Wien wanderte der junge Ungar schließlich nach Israel aus, wo er seinen bekannteren Namen Ephraim Kishon annahm.
Ab dem Jahr 1952 pflegte er seine schriftstellerische Tätigkeit und veröffentlichte im Folgenden im deutschsprachigen Raum über 70 Bücher, die, bis zu dessen Tod 1979 vom Schriftsteller Friedrich Torberg übersetzt wurden. Danach übertrug Kishon selbst seine Texte ins Deutsche.

Ich muss gestehen, dass ich, ob der traurigen und tragischen Vergangenheit Kishons, einige Scheu verspürte, ihm gegenüber zu treten. Immerhin bin ich Nachkomme jener, die seine Familie ausgelöscht und auch ihm selbst nach dem Leben getrachtet hatten. Ich fühlte eine Scham in mir, als ich dem älteren Herren mit dem weisen Charisma gegenübertrat.
Wie ich Jahre später erfahren habe, hegte Ephraim Kishon aber überhaupt keinen Groll gegenüber der jungen Generation Deutscher und Österreicher. Vielmehr verstand er seine Arbeit als Versöhnungsangebot an die Nachkommen seiner Henker. Ein wonniger warmer Schauer überkam mich innerlich, als mich der große Satiriker nach meinem Namen fragte, um mir gleich anschließend eine Widmung in das von mir mitgebrachte Buch zu schreiben.

“Für Manfred, Ephraim Kishon”.

Noch heute besetzt die Ausgabe mit der Handschrift des Meisters einen Ehrenplatz in der Bibliothek meiner Eltern. Ephraim Kishon inspirierte mich, zu schreiben und meinen Sinn für eine spitze Feder zu entwickeln. Ich weiß, wie hoch er die Latte gelegt hat und daß ich, im Vergleich zu seinem Genie, stets ein Suchender bleiben werde. Dennoch bin ich froh, ihm ein Mal in meinem Leben begegnet zu sein. Selbst, wenn es unter dem verhüllenden Mantel der Anonymität geschehen ist.

Category:   Humor ist
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