Um mich vom Stress der Woche zu erholen, liebe ich es, am Samstag Nachmittag ein Lichtspieltheater aufzusuchen. Für alle Unwissenden: Man kann auch Kino dazu sagen…

Auch vor mittlerweile beinahe 20 Jahren führte mich mein Weg jedes Wochenende in eine entsprechende Einrichtung. Allerdings, und dies muss an dieser Stelle unbedingt angeführt werden, mag ich es nicht, mich in überdimensionierten Kinotempeln aufzuhalten. Was ich bevorzuge ist vielmehr das Kleine, dafür jedoch umso Feinere. Ich besuche also seit wirklich langer Zeit mit nahezu angsterregender Regelmäßigkeit Linzer Programmkinos wie den Cinematograph, das Moviemento oder das Central.

So geschehen auch Ende des Jahres 2001. Dies war die Zeit, in der die monumentale Fassung der Herr der Ringe Trilogie Peter Jacksons in die Kinos gelangte. Bereits im Vorfeld von der hohen Qualität der Verfilmung überzeugt, besorgte ich mir Premierenkarten im Central. Nicht zuletzt des Umstandes wegen, dass ich bereits im zarten Kindesalter die Buchvorlage mehrere Male verschlungen hatte, fühlte ich mich bestens auf dieses einmalige cineastische Ereignis vorbereitet.

Da damals, zumindest im deutschen Sprachgebrauch, der Terminus “Cosplay” noch keine Verbreitung gefunden hatte, war ich mir nicht dessen bewußt, dass ich selbiges betrieb, als ich, als Frodo der Hobbit verkleidet den Weg ins Kino antrat. Ich hielt die Verkleidung für die optimale Wahl, da der kleine Bewohner des Auenlandes schon beim allerersten Lesen des Wälzers mein kindliches Herz von der ersten Sekunde an erobert hatte. Meine Körpergröße von einem Meter und neunzig, sowie mein Lebendgewicht von 160 Kilo taten meinem Enthusiasmus überhaupt keinen Abbruch.

So trat ich kurze Zeit später in das Foyer des Central Kinos. Gehüllt in eine graue Hundedecke, die ich meiner Mischlingsdame noch zuhause unter dem schlafenden Hintern hervor gezogen hatte und die immer noch über und über voll mit Haaren war, stolzierte ich den Gang zur Kasse entlang. In meiner Rechten einen improvisierten Wanderstock und Wanst und Hintern verhüllt vom Seppelkostüm des vergangenen Faschings hob ich beschwichtigend und bedeutungsvoll den linken Arm und stieß ein mahnendes “Ihr Unwissenden” hervor.

Man beachtete mich nur kopfschüttelnd, worauf ich ein trotziges “Ihr seid unwürdig” nachsetzte.

Schließlich war ich an der Kinokassa angekommen. Da ich der Dame hinter der Glasscheibe sofort ansehen konnte, dass sie mit ihrer Aufgabe hoffnungslos überfordert war, versetzte ich ihr, noch bevor sie die Stimme heben konnte ein “Hobbit Frodo holt eine Karte für Riegler ab.”

Wieder erntete ich nur Kopfschütteln, wenn dieses Mal auch etwas dezenter als zuvor.

“Welcher Film?”

Unglaublich, mit welch inkompetentem Personal man sich in modernen Lichtspielhäusern herumschlagen musste. Welcher Film? Na, DER Film. Von allen Vorstellungen dieses Samstagnachmittags gab es lediglich einen Streifen von Relevanz. Und das war Herr der Ringe. DIE Premiere schlechthin.

“Erstens”, so hob ich an, “habe ich das bereits bei der Reservierung angegeben. Und zweitens: Wenn sie mich ansehen, müssen sie dann wirklich noch fragen, welchen Film ich mir heute ansehen werde?”

“Weiss nicht…das große Fressen?”

“Geben sie mir eine Karte für die Herr der Ringe-Premiere…”

Mit der Eintrittskarte in der Tasche, stolzierte ich in meinem Kostüm etwas durch das Kinofoyer. Mir hatten es die Plakate mit den herrlichen Aufdrucken von Peter Jacksons Vision Mittelerdes angetan. Gerade, als ich an einem Konterfei meines großen Idols Frodo angekommen war, versperrte mir ein Gandalf die Sicht. Ein überaus schlecht verkleideter Gandalf überdies. Ich teilte ihm mit, dass sein Kostüm eines der schlechtesten darstellte, die ich in meiner Laufbahn als Anhänger der Herr der Ringe-Bücher erlebt hätte. Was ich als Antwort erntete, war eine Ohrfreige, die sich gewaschen hatte.

Ich war jetzt bereits voller Vorfreude auf den Film. Was würde mich erwarten? Wie würde der große Regisseur aus Neuseeland an das wohl größte und wichtigste Fantasy-Werk der neueren Literaturgeschichte herangehen? Kaum konnte ich es noch erwarten.

Endlich gewährte man uns Einlass in Saal 1, in dem das Spektakel stattfinden würde. Selbstverständlich drängte ich mich zwischen den Wartenden vor. Aufgrund meiner zierlichen Hobbitmaße von 190cm Größe und 160kg Gewicht, fiel mir dies auch nicht weiter schwer. Im Kino suchte ich nach meinem Sitzplatz. Selbstredend hatte ich den besten gewählt. Nicht etwa ganz hinten, fernab des Geschehens auf der Leinwand. Nein, der beste Platz in einem Kino befindet sich in dessen Mitte. Dort nahm ich Platz; und schlief nach etwa drei Minuten ein. Ich kippte in einen Komazustand, aus dem mich erst die Melodie des Filmabspannes wieder wecken sollte.

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18. März 2018 0
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