Gerade in sehr jungen Jahren ist man in der Regel überaus empfänglich für Menschen, denen man ob ihrer Superheldenkräfte, besondere Beachtung schenkt. Ich kann mich erinnern, dass es in meiner Kindheit einen Buben namens Max gegeben hatte, der von vielen meiner Freunde regelrecht angehimmelt wurde, weil er – und das ist wirklich nicht gelogen – einfach alles wußte und alles konnte.

Obwohl Max lediglich zwei oder drei Jahre älter war als meine Freunde und ich, glaube ich mich erinnern zu können, dass er mit seinen zehn Jahren bereits mindestens 195cm gemessen hatte. Mit acht Jahren trug er schon Bart und wenn mich nicht alles täuscht, gaben sich seine Schläfen im Alter von sieben grau meliert. Max war hochintelligent und weise und ich kann mich erinnern, dass er, während wir Anderen noch die Grundschule besuchten, bereits als Chefchirurg in einem großen Linzer Krankenhaus gearbeitet hatte. Genau wie sein Vater im Übrigen.

Eine Sache, die Max besaß, und die wir anderen Kinder aufrichtigst bewunderten, war das dunkelrote Zehn-Gang-Fahrrad, mit dem der Junge stets durch die Gegend brauste. Die meisten meiner Freunde und ich waren mit herkömmlichen Klapprädern unterwegs und einer von uns besaß sogar ein BMX-Rad. Aber gegen Max Vehikel kamen wir alle nicht an. Auch wenn an seinem Drahtesel bereits alles schepperte und klapperte und sich die einzelnen Teile bereits verflüchtigten, wir konnten mit unseren hochglanzpolierten Untersätzen dem hochheiligen Gangrad nichts entgegen setzen.

Der grenzwertige Zustand seines Drahtesels kam nämlich nicht von ungefähr. Jede einzelne Schramme, jeder Kratzer und jede Unwucht des Rades stellten so etwas wie eine Kriegsverletzung dar. Dies alles waren keine Mängel und Schäden, vielmehr handelte es sich um Trophäen, die Max im Laufe der Monate mit vielen seiner Heldentaten gesammelt hatte.

Ob er nun, eine eigens konstruierte Rampe nutzend, über 45 meiner Spießgesellen springend, luftanhaltend auf dem Grund der Donau von Mauthausen bis ins deutsche Passau radelnd oder mit Hochgeschwindigkeit eine Hochhauswand hochfahrend eine staunende Schar Kinder beeindruckte, mit jeder dieser Aktionen verpasste er seinem Fahrrad eine weitere ehrenvolle Narbe, die Max irgendwann als Vermächtnis dienen würde. Wir waren uns damals sicher, dass unser großes Idol sein Ende nicht in irgendeinem ärmlichen Grab, sondern in einem prunkvollen Mausoleum fände. Aufgebahrt in einem gläsernen Sarg und mit seinem Fahrrad unter dem Hintern.

Was aus Max wurde, weiß ich nicht. Niemand meiner damaligen Freunde kann das heute noch bestimmen. Eines Tages war er einfach fort. Seine Eltern, so hieß es, seien verzogen und hätten in unserer Siedlung im altehrwürdigen Mauthausen nichts zurück gelassen.
Unter uns Kindern, hielt sich jedoch noch viele Jahre das Gerücht, dass Max von seinen Ahnen zu sich berufen wurde und in Glanz und Glorie nach Walhalla einzog. So traurig wir damals auch waren, dieser Gedanke spendete uns nicht nur Trost, er machte uns auch stolz. Denn wer kann schon von sich behaupten, einmal einem echten Gott begegnet zu sein?

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3. Februar 2018 0
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