Es war einmal – man mag es sich an Tagen wie diesen kaum vorstellen – eine Zeit, in der es tagelang, ja wochenlang stark regnete. Vom ersten Wimpernschlag am Morgen, über das saftige Mahl zu Mittag, bis hin zur Schlafenszeit am Abend, schüttete es wie aus Eimern.

Nachdem es also eine wirklich lange Zeit aus allen Fugen des Himmels gegossen hatte, machte ich mich eines Tages auf den Weg, einen alten Schulfreund zu besuchen. Dieser wohnte unweit meines Hauses. Also beschloss ich, den Marsch zu Fuss anzutreten. Nicht zuletzt deswegen, weil man körperlicher Betätigung gemeinhin nachsagt, sie wirke sich positiv auf Körpergefühl und Gesundheit aus. Zudem zähle ich zu den seltenen Naturellen, denen trübes, regnerisches Wetter nicht von tiefster Seele aus zuwider ist.

Als ich also meines Weges entlang schlenderte, bemerkte ich in der Wiese, die sich neben dem Bürgersteig befand, eine riesige Wasserlache. Sie hatte sich wohl während der langen Wochen des intensiven Regens gebildet. 

Nun verhält es sich keineswegs so, dass ich als Kind zu kurz kam, wenn es darum ging, lachend in prallvolle Pfützen zu springen. Ganz im Gegenteil, ich konnte meinem infantilen Gemüt zu jeder Zeit freien Lauf lassen. Dennoch übermannte mich just in dem Moment, in dem ich mich etwa auf halben Weg zu meinem Freund befand, die unbändige Lust darauf, meinen üppigen Luxuskörper im Nass der vergangenen Tage zu versenken.

Verstohlen schaute ich mich um, ob mich auch niemand beobachtete. Denn, so schön und belustigend eine gepflegte Planscherei auch sein mag, so peinlich nimmt es einen auch, wenn man dabei ertappt wird. Befriedigt durfte ich jedoch feststellen, dass ich mich völlig allein auf der Straße befand.

Also nahm ich ein paar Schritte Anlauf, hob zu einem mächtigen Satz an, landete in der Lache – und versank darin. Wie durch einen gewaltigen Strudel wurde ich nach unten gerissen. Tief hinab in einen mächtigen, dunklen Schlund.

Auf meinem Weg in das Innere unseres Planeten begegneten mir Fische, Wale und – sofern ich mich nicht vollends getäuscht hatte – auch das Seeungeheuer von Loch Ness.

Ich durchstiess den heissen, flüssigen Erdkern und stieg auf der anderen Seite der Welt wieder empor. Man kann nur von Glück sagen, dass es in China ebenfalls seit Wochen regnete.  So schwappte ich irgendwo im Hinterland, unweit der chinesischen Mauer, wieder hervor. 

Den Termin bei meinem Freund konnte ich selbstverständlich nicht mehr wahrnehmen. Doch ich tröstete mich damit, dass ich schnell neue Bekanntschaften in meiner neuen Heimat schloss und mit diesen freudige Stunden verbrachte. Heute bin ich Schweinebauer in einem Vorort von Peking und lebe ein glückliches Leben inmitten meiner grunzenden Vierbeiner.

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Warme Eislutscher

14. August 2018 0
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