Die Zeit hat bewiesen, dass ich ein durchaus annehmbarer Autofahrer bin. Ich bewege mich vorausschauend, passiv und zuvorkommend durch den Straßenverkehr und sehe mögliche Gefahren kommen, bevor sie tatsächlich eintreten. An Gebote und Vorschriften halte ich mich beinahe pingeligst genau und rasen stellt für mich ein Fremdwort dar.

Jedoch, als ich mich vor nicht allzu langer Zeit auf dem Weg von Mauthausen nach Wien befand, trat ein Ereignis ein, an das ich mich wohl noch länger erinnern werde.

Wie immer, wenn ich mich auf oben genannte Reise machte, fuhr ich im nahegelegenen St. Valentin auf die Autobahn auf. Ich stellte den Tempomat auf gemütliche 125 Kilometer pro Stunde und das Autoradio auf meinen Lieblingssender. Entspannt ließ ich das Vehikel auf der rechten Fahrspur dahinrollen und genoß die Fahrt.

Nach kurzer Zeit, etwa auf Höhe der Autobahnabfahrt Oed, befand sich ein langsameres Fahrzeug vor meinem Renault Laguna Kombi. Brav betätigte ich den Blinker nach links, sah mich mittels des drei-S-Blicks (Spiegel, Spiegel, Schulter) um und setzte, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich niemanden behinderte, an, das andere Fahrzeug zu überholen. Zunächst schien alles in gewohnten Bahnen zu verlaufen; bald jedoch beschleunigte der langsamere PKW – es musste sich wohl um irgendein älteres Modell des Fabrikats Citroen gehandelt haben – deutlich und hinderte mich so daran, diesen ungehindert zu passieren.

Obwohl ich das insgeheim schon als etwas frech empfand, dachte ich mir nicht viel dabei. Beharrlich blieb ich auf der mittleren der drei Spuren in meiner Fahrtrichtung und hoffte darauf, dass der Fahrer, der sich nun unmittelbar neben mir befand, doch noch zur Vernunft kommen und seinen Wagen verlangsamen würde. Nachdem wir aber mehrere Minuten derart im Paarlauf verbracht und mittlerweile die Autobahnabfahrt Amstetten erreicht hatten, fühlte ich mich auf gewisse Art gefrotzelt. Da musste ich mich tatsächlich aus meiner Komfortzone begeben und das Gaspedal betätigen. Jeder, der mich kennt, weiß, wie ungern ich meinen Tempomat aus seinem geregelten Arbeitszustand rief; und dieser unsägliche Rüpel hielt mich dazu an, genau das zu tun.

Ich beschleunigte mein Gefährt also auf rund 128 Stundenkilometer, was mich, langsam aber doch, am Citroen vorbei schob. Immer noch leicht verärgert, aber dennoch einigermaßen zufrieden, ließ ich mein Auto also wieder bis zu Tempo 125 auslaufen, betätigte erneut den Schalter für den Tempomat und reihte mich wieder rechts ein. Einer entspannten Fahrt in die Bundeshauptstadt würde nun nichts mehr im Weg stehen.

Ein klein wenig in Gedanken versunken und meine Lieblingsmusik auf meinem Lieblingsradiosender hörend, bretterte ich die Autobahn entlang. Da nahm ich plötzlich aus dem Augenwinkel ein rotes Auto links neben mir wahr. War das nicht ein Citroen? DER Citroen? Ja, sicher, ganz bestimmt. Es war DER Citroen. Und er überholte mich. Durfte er das?

Als er schließlich vor mir wieder auf die rechte Fahrspur wechselte, erhaschte ich einen Blick auf die Nummerntafel dieses unguten Zeitgenossen. Na sicher doch – ein Deutscher. Was denn sonst? Das durfte so nicht angehen. Kein Deutscher besaß das Recht, sich vor mir auf der Autobahn zu befinden. Schon gar nicht, wenn ich gemütlich auf dem Weg nach Wien war. Wo kämen wir denn da hin?

Zornig warf ich den Blinker an, stieg auf´s Gaspedal und donnerte, was das Zeug hielt, nach vorne. Ich mußte dabei wohl die gesetzlich vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 130km/h überschritten haben, aber das war mir in diesem Moment egal. Es ging immerhin um meine Ehre. Als ich mich auf Höhe des gegnerischen Lenkers befand, versuchte ich einen Blick auf diesen Blödmann zu erhaschen. Zu meiner Überraschung sah er völlig normal aus und trug auch keinen Hut. Ein bärtiger Mann, etwa meines Alters. Und mit einem selten dämlichen Blick.

Ich hupte. Als der Deutsche mir daraufhin seinen selten dämlichen Blick zuwandte, konnte ich es mir nicht verkneifen, ihm den Mittelfinger meiner rechten Hand entgegenzustrecken. Selbstverständlich begleitet von einem teuflischen Grinsen. So passierte ich den roten Citroen und setzte mich wieder vor ihn. Da ich durchaus mit einem Gegenangriff rechnete, verzögerte ich meinen Boliden dieses Mal nicht, sondern beschleunigte ihn weiter auf 150 Kilometer pro Stunde. So passierte ich die Autobahnabfahrt Ybbs.

Ich bin nicht unbescheiden, wenn ich ihnen versichere, dass ich bis nach Pöchlarn eindeutig in Führung blieb. Recht viel schien die französische Klapperkiste des Deutschen ja nicht herzugeben. Nach mehreren Dutzend Kilometern hatte mein Widersacher aber einen Geschwindigkeitsüberschuss aufgebaut, der es ihm ermöglichte, sein Gefährt an mir vorbei zu buxieren. Bis zum heutigen Tag bin ich mir dessen nicht ganz sicher, aber ich bilde mir ein, mich erinnern zu können, dass mir dieser einfältige Kerl im Vorbeifahren den Vogel gezeigt hat. Das konnte ich mir selbstverständlich nicht gefallen lassen. Ohne Rücksicht auf mögliche Verluste, quetschte ich das Letzte aus dem Motor meines Renault heraus. Um nur ja kein Zehntel-km/h zu verlieren, wippte ich auf dem Fahrersitz schwungvoll vor und zurück, um so meiner Karosse den letzten Impuls vorwärts zu versetzen.

Mit Müh und Not gelang es mir, den deutschen Möchtegern-Michael Schumacher noch vor Melk abzufangen. Als ich ihn, eine Österreichflagge aus dem Beifahrerfenster schwenkend, überholt hatte, nahm ich zu meiner allergrößten Verwunderung über meinen Rückspiegel wahr, dass mein Gegner in Loosdorf die A1 verließ. Kurz danach triumphierte ich aber; ich hatte diesen Pseudo-Formel 1 Weltmeister besiegt. Ich war der unbestrittene König der Straße.

Stolz und fröhlich fuhr ich weiter meines Weges. Bis kurz nach St. Pölten plötzlich ein rotes Geschoss hinter mir auftauchte. Noch bevor ich dessen gewahr wurde, dass es sich um das neueste Ferrari-Modell handelte, zischte dieser auch schon an mir vorbei. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, als ich feststellte, dass hinter dem Steuer niemand Geringerer, als mein altbekannter Widersacher saß, der wohl, unfairerweise, einen Boxenstopp eingelegt und sein Vehikel gewechselt hatte. Ich platzte förmlich vor Zorn, als ich den roten Boliden schnell wie einen Blitz am Horizont verschwinden sah.

Schäumend vor Wut und Tränen des Hasses in den Augen, entsann ich mich darauf, dass sich unweit des Autobahnknotens Steinhäusl zufällig ein Händler für exotische Flugfahrzeuge befand. Schnell fuhr ich von der A1 ab und steuerte mein Gefährt zu just diesem Gebäude, wo ich mir umgehend einen, zugegebenen etwas in die Jahre gekommenen, dennoch aber hocheffektiven Abfangjäger der Marke F14 Tomcat zulegte. In diesem Moment war ich äußerst froh darüber, nie ohne ein wenig Bargeld das Haus zu verlassen. Ansonsten hätte ich mir diesen Spaß wohl kaum leisten können.

Siegessicher rollte ich mit meinem Jet zurück zur Autobahn, wo ich gehörig an Schwung aufnahm. Ich folgte der Wiener Außenringautobahn und siehe da, kurz vor der Raststätte Alland hatte ich diese tomatenrote Ferrarischnecke schon wieder eingeholt. Ich zog den Steuerknüppel meines Flugzeuges zurück und hob ab in die Lüfte. Als ich mich hoch über meinem deutschen Widersacher befand, konnte ich es mir einfach nicht verkneifen, die eine oder andere Salve meiner Waffe abzufeuern. Ich beteuere inständig, dass ich Zeit meines Lebens als ausgesprochener Pazifist galt, aber nun juckte es mich doch zu sehr in meinen Fingern. Gelegenheit macht eben Diebe.

Nachdem ich noch zwei drei Ründchen über den grünen, unter mir liegenden Wienerwald gedreht und eine Bombe auf den Donauturm geworfen hatte, beschloß ich endlich, den Flughafen Schwechat anzusteuern. Dort gelandet, nahm ich mir ein Taxi, welches mich freundlicherweise (und gegen Bezahlung versteht sich) zu meinem Termin in Wien chauffierte.

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Max

16. Januar 2018 0
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